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Rico. , 2011
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Die maßlose Suche nach der Norm
Wie entstehen Spannungen? Wir, als Menschen, haben Erwartungen, Ansprüche und ein Schubladen- /Stempel- System, mit welchem wir die Welt einordnen. Wir, als Energieträger, haben ein Energieniveau, welches wir möglichst erhalten oder erhöhen wollen (, zum Wohl des „Friedlebens“ aber auch verringern). Alles strebt nach Entspannung und wird somit aktiv. Wenn wir mit unpassenden Erwartungen konfrontiert werden, oder unsere Forderungen nicht erfüllt werden (können), entstehen negative Spannungen. Normen sind Modeerscheinungen – ähnlich wie Konfektionsgrößen.
Da es offenbar bei vielen von uns Menschen einen Hang dazu gibt, das Leben nicht komplizierter zu machen, als es ist, nutzen wir eine Art Code, um unserer Umwelt zu suggerieren, was sie von uns erwarten kann – welche Rolle wir bereit sind, einzunehmen. Nur achten wir in sehr wenigen „Alltagssituationen“ darauf! Weil wir uns [Menschen im Allgemeinen] zu wenig mit selbst- und situationsreflektierenden Analysen beschäftigen, um festzustellen, warum Isel den Kaffee kocht, Ramona die Verantwortung hat, Dirk die Gipssäcke holt, und alle stillschweigend einverstanden damit sind. Um mit der Welt klar zu kommen, müssen wir sie schematisieren: wir bauen Schubladen, verteilen Etiketten und selektieren wobei einiges sofort aussortiert und nicht genauer betrachtet wird. Somit sind momentan 11 Studenten im Bereich freie Kunst für Glas. Davon sind drei männlich, davon ist einer über 30, einer mehrfacher Vater, alle drei haben mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung … und diese statistische Aufzählung könnte beliebig weiter geführt werden. Woraus wir schließen können, dass keine Menge an Etiketten – aus welchen Schubladen wir sie auch immer holen – dem Individuum gerecht werden kann. Denn Etiketten benennen immer nur eine Beziehung, eine Gruppenzugehörigkeit oder Abnormität. Wir haben also eine Vorstellung von einer Norm, und wir richten daran unsere Ordnungssysteme aus. Doch was ist, wenn etwas nicht in unser Verständnis von der Welt, - unser Weltbild - , passt? Dann haben wir zwei grundlegende Möglichkeiten: 1. wir überdenken unser Konzept von der Realität. 2. wir verpassen Zitronen das Etikett „Kürbis“ und erwarten, dass diese widerspenstigen Objekte sich endlich einmal so verhalten, wie man es von ihnen erwartet. Häufig passiert es, dass wir die zweite Methode wählen. Das ist keine böse Absicht! Wir wissen es in diesem Moment nur nicht besser. Problematisch dabei ist, dass es uns schwer fällt, alte Bilder zu überarbeiten und wir dies fast ausschließlich in oder nach Schocksituationen tun.
Die erste Methode bedeutet viel zu viel Arbeit, um sie in unserer Gesellschaftsform und mit der Fülle an neuen Begegnungen (nicht nur mit Menschen, sondern auch mit fremden Gedanken, Arbeiten, Phänomen, …) immer umzusetzen. Wir wären schlicht und einfach überfordert mit Esche, Buche, Mandarine, Undine, Akazie, Clementine, Nordmanntanne, Sommerscheibe, Naveline, Boskop, Limone, Limette, Pinie, Jonathan, Alkmene, Ulme, Pampelmuse, Maigold, Rubinie, Eiche, Birke, Erle, Zypresse, Duglasie, und nennen sie deshalb: Baum, Zitrusfrucht und Apfel. Doch all diese Etiketten (männlich/weiblich, Adresse, Alter, Beruf, Versicherung) werden niemandem gerecht und übersehen – da sie irgendwie jeden betreffen – die ausschlaggebenden Fakten, wie die angeborene Blindheit der Kundin, der wir per Telefon einen Fernseher oder ein Touchscreengerät verkaufen wollen. Um unsere Sicht auf die Realität zu verändern, müssen wir hin und wieder unsere alten Etiketten überkleben oder austauschen. Wenn der eine Apfel mir nicht schmeckt, dafür aber der andere, lerne ich ziemlich schnell, dass Boskop und Maigold zwei verschiedene „Spezialisierungen“ sind. Warum sollte ich dann nicht auch feststellen können, dass die kleinen, sauren, quitschgelben Kürbisse, deren Schale irgendwie anders ist, als die der großen, orangen Kürbisse, unter Umständen vielleicht gar keine Kürbisse sind? Sondern Birnen, Blaubeeren oder Pfifferlinge, die zufällig im Kürbisbeet wachsen!
Kategorisierung ermöglicht uns, die Welt wahrzunehmen und zu bewältigen. Es wäre die reinste Sisyphosarbeit aus all unseren Höhlen gleichzeitig heraus kriechen zu wollen. Alles entwickelt sich weiter ( auch wenn es im Großen doch nur das Kleine ist, ) und somit sitzen wir, im Gegensatz zu Platon nicht mehr in nur einer Höhle fest und bestaunen die Schattenspiele an der Wand. Unsere Welt ist ein Tunnelsystem mit indirekter Beleuchtung geworden. Dolormin und Aspirin erleichtern unseren Weg zur Erleuchtung am Höhlenausgang und die Dolce und Gabbana Sonnenbrillen aus China lassen uns gut aussehen und schützen unsere Augen vor dem grellen Licht der Scheinwerfer im Elitepartnerchatroom – denn wer will schon allein die Erleuchtung finden? Wir wandern alle kollektiv und so muss niemand zurückgehen und sich von den Stubenhockern erschlagen lassen, die es sich heimisch gemacht haben. „Ich bin ein Star und komme jetzt raus!“, muss jeder rufen, der den Höhlenausgang passiert und bekommt dann einen Begrüßungscocktail gratis. Somit versteht keiner, dass dieser heiße Magmasee nicht die Sonne ist, sondern das innerste der Höhle. Doch wenigstens werden erleuchtete nicht mehr erschlagen, sondern einfach falsch etikettiert, oder nicht beachtet. Woher soll man auch wissen, wie man sie erkennt, wenn man nicht selbst oben war und nicht weiß, worauf man achten muss.
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Rico., 2009
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Die Arbeit „Maskenball“ ist als Verdeutlichung der Unzulänglichkeit unseres Etikettensystems entstanden: eine Art Maßband beginnt bei Formulardaten wie Name, Adresse, Nationalität, Geburtsdatum, Geburtsort, … und arbeitet sich mit sehr langsamen persönlicher werdenden Angaben in Richtung des betroffenen Objektes vor – gelangt aber nie richtig an. Es wird nie vollständig sein, oder den Kern erreichen.
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Wie sehr wir durch Schubladendenken beeinflusst sind, hat mir ein Projekt zum Thema „Erwartungen“ gezeigt: skurrile Details des Alltags hatte ich in einer Truhe ausgestellt. Diese Truhe war aus shellackiertem Gips, die Einzelteile nur mit einander verleimt,... doch sie ist bereits 2mal zu Bruch gegangen, weil sie für eine Holztruhe gehalten und dementsprechend behandelt wurde.